12/2017
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08.12.2017–04.02.2018
Kabinett

Ulrich Nausner. blank

Eröffnung: Do, 7. Dezember 2017, 20 Uhr

Der Förderpreisträger des Landes Salzburg 2016 zeigt neue Arbeiten.

Beim Schreiben über eine Ausstellung, die den Titel blank trägt, ist man versucht, sehr wenig oder eigentlich fast gar nichts zu schreiben. In der Tat war das die Bitte des Künstlers für die Einladungskarte: alle Beschreibungen der Kunstwerke, des Künstlers und der Rahmenveranstaltungen wegzulassen.

Anstatt jedoch dieser Versuchung nachzugeben, schlug ich Ulrich Nausner vor, dass ich eine Art Quereinstieg in diesen Text wählen würde: nämlich die Worte eines anderen Autors zu benutzen.

Drei Passagen gilt es zu zitieren:

EINS

Beim Schwimmen ging er einer Art Träumerei nach, in der er mit dem Meer verschmolz. Die trunkene Freude, aus sich selber auszusteigen, in die Leere zu gleiten, beim Denken im Wasser aufzugehen, ließ ihn jedes Unbehagen vergessen. Und sogar als das gedachte Meer, da er immer inniger wurde, zum echten Meer geworden war, in dem er wie ertrunken lag, bewegte ihn das weniger als notwendig: bestimmt war es irgendwie unerträglich, mit einem Körper aufs Geratewohl zu schwimmen, der ihm nur dazu diente, zu denken, er schwimme, aber er empfand auch Erleichterung, als hätte er endlich die Schlüssel zur Lage entdeckt und als beschränke sich für ihn alles darauf, seine endlose Reise mit einem abwesenden Organismus durch das abwesende Meer fortzusetzen.

ZWEI

Die Finsternis war dunkler und schmerzhafter, als er eigentlich annehmen mußte. Das Dunkel überflutete alles, und es gab keine Hoffnung, durch seine Schatten hindurchzukommen, aber man stieß zu ihrem wahren Wesen mittels einer Beziehung vor, deren hergestellte Nähe verwirrend war. Seine erste Erkenntnis war, daß er sich seines Körpers, insbesondere seiner Augen noch bedienen konnte; nicht daß er etwas sah, aber was er anschaute, das setzte ihn mit der Zeit zu einer nachtähnlichen Masse in Beziehung, an der er undeutlich wahrnahm, daß er selbst sie war und daß er in ihr schwamm.

DREI

Es war die reine Nacht. Bilder, woraus sich die Finsternis der Nacht formierte, überschwemmten ihn. Er sah nichts und war davon mitnichten niedergeschlagen, sondern er machte aus diesem Fehlen von Sicht den Höhepunkt des Sehens. Sein Auge, da es zum Sehen nicht mehr taugte, nahm eine außerordentliche Ausdehnung an, entwickelte sich über die Maßen, und indem es sich am Horizont ausbreitete, ließ es die Nacht in sein Zentrum eindringen, um aus ihr das Licht zu empfangen. Wegen dieser Leere vermischten sich der Blick und der Gegenstand des Blickes. Dieses Auge, das nicht sah, nahm nicht nur etwas wahr, sondern es nahm die Ursache seines Sehens wahr. Er nahm als Objekt das wahr, was schuld daran war, daß er nicht sah. Sein eigener Blick drang in Gestalt eines Bildes in ihn, im Augenblick, wo dieser Blick als der Tod jedes Bildes galt.

Die Texte stammen von dem französischen Philosophen und Schriftsteller Maurice Blanchot. Die drei Passagen sind seinem Roman Thomas der Dunkle von 1941 entnommen.

Damit habe ich der eingangs genannten Versuchung, einen Text in der ersten Person als Reaktion auf die Werke des Künstlers zu schreiben, teilweise nachgegeben. Andererseits haben die Texte von Blanchot enormen Einfluss auf Roland Barthes und seine Vorstellungen gehabt, die sich ausführlicher in Der Tod des Autors und vor allem in Am Nullpunkt der Literatur wiederfinden. In letzterem setzt sich Barthes für die Schriften von Alain Robbe-Grillet ein, dessen Prosa jede Sentimentalität und sogar Subjektivität eliminierte. Parallele Vorstellungen der Auslöschung des Selbst, dem Aufgehen in einer konzeptionellen oder körperlichen Weißheit, und Meditationen über die Leere scheinen alle in den gegenwärtigen Arbeiten von Ulrich Nausner anzuklingen. Daher war die Auswahl von Blanchots Texten für mich beim Sinnieren über diese Kunstwerke auch intuitiv. Darin liegt für mich sowohl eine Verwandtschaft wie auch eine Spannung gegen manche der obenstehenden Gedanken. Andererseits entstehen die „Hypertext-Zeichnungen“ des Künstlers, die als unlesbare Inschriften auf kleinen Papieren erscheinen, auch alle aus intuitiven Entscheidungen. Der Künstler wählt bestimmte Texte online aus, nachdem er zahllose andere verworfen hat, und zwar aufgrund ihrer Beziehung zu bestimmten Worten, so in diesem Fall zum Beispiel „Manipulation“ und „Konstruktion“. Die Werke scheinen aus einer Art totaler Leere zu entstehen – der unermesslichen Weite und Dummheit des endlosen Datenarchivs namens Internet. So erscheinen kleine, aber spannungsvolle Inschriften auf kleinen Papieren, in Vierergruppen angeordnet, als angemessene obskure, gar kapriziöse Botschaften.

Der Künstler erinnert uns daran, dass das Wort blank im Deutschen mehrere Bedeutungen hat (pleite, poliert, strahlend/leuchtend, frei/nackt, klar/rein) ebenso wie im Englischen (inhaltslos, unausgefüllt, bloß, leer, fehlend, unbewohnt, weiß, rein).

Man kann auch blank sein, also dumm oder ohne Persönlichkeit, wie ein Objekt. Daher berühren uns die „Memory Objects“, die eher gegenständlichen Wandobjekte dieser Ausstellung, in ihrer gegenständlichen Blankheit, ihrem Mangel an eigentlich Allem. Sie sind wortwörtlich industrielle „Readymades“, vorgefertigte Gegenstände. Diese Schienen und Blindpaneele sind in Form und Statur identisch und bestehen aus ungenutzten Servergestellen. Die schwarzen Paneele schützen jene Informations- und Prozessmaschinerie vor Staub, die diese riesigen (und globalen) Kreisläufe mit Informationsspeichereinheiten befeuert. Sie sind standardisiert, gewöhnliche Einheiten, reine Serienproduktion. Der Künstler schreibt, „Der Gedanke eines doppelten ‚negativen Raums‘ – die abwesenden ‚Speichereinheiten‘ der Server oder Daten einerseits und die Blindpaneele andererseits – bezieht sich auf Fragen des Informationszeitalters und die zeitgenössische Kultur des Erinnerns und Vergessens.“

Wie der Künstler starren wir dabei vielleicht ins Nichts.

Diese Abwesenheit (von Gedanken, von Emotionen, von Bedeutung, von Farben, von Form, von Sinnen, von Licht) bezieht sich jeweils auf das Fehlende, das in diesem Fall alles sein könnte. Oder, um präziser zu sein, und wie Blanchot uns erinnert: Aus der Abwesenheit werden große Gesten abgeleitet oder unerträgliche Missstimmung. In jedem Fall ist es nicht gerade nichts, was an Eindrücken zurückbleibt.

Text von Séamus Kealy

Ulrich Nausner, geb. 1980 in Oberndorf bei Salzburg, lebt und arbeitet in Wien. www.ulrichnausner.com

Ulrich Nausner, Memory Object (Black), 2017, Server-Rack Schienen, Blindpaneele, Schrauben, 186,5 x 54,5 x 3,2 cm, Detail

Ulrich Nausner, Memory Object (Black), 2017, Server-Rack Schienen, Blindpaneele, Schrauben, 186,5 x 54,5 x 3,2 cm, Detail
Foto: Courtesy of the artist

Ulrich Nausner, Memory Object (Black), 2017, Server-Rack Schienen, Blindpaneele, Schrauben, 186,5 x 54,5 x 3,2 cm, Detail