02–07
2020
 
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Termine Vorschau

08.02.–05.07.2020

Gernot Wieland

Eröffnung: Fr, 7. February 2020, 19 Uhr

Gernot Wieland führt durch die Ausstellung

Zwölfmal Angst. Eine verdammte Notlösung. Besprechung in der TAZ

On carpets, cats, cages and three films by Gernot Wieland. Review by Art Agenda

Gernot Wieland (*1968 in Horn, Österreich) ist ein in Berlin lebender Künstler, dessen Filme, Zeichnungen, Lecture-Performances und Installationen die Vorstellungen und Bedürfnisse menschlicher Zugehörigkeit innerhalb von ererbter sozialer, politischer und psychologischer Prozesse kommentieren. In dieser Ausstellung präsentiert der Künstler drei neue Filme und eine Serie von Drucken, die konzeptionell und emotional miteinander verwoben sind. Insgesamt spielt sein Werk mit Fakten und Fiktionen und besteht häufig aus Traumlandschaften, Erzählungen, Realität und Neurosen im Zusammenhang mit Erinnerungen, oft mit einer sehr persönlichen Note. Diese kombinierten Narrationen thematisieren in seinen Filmen Macht und Kontrollbedingungen, sei es in Klassenzimmern, in gesellschaftlichen Normen oder im eigenen Gewissen. Für die Produktion von Bedeutungen spielt das Gedächtnis eine zentrale Rolle und seine Erzählungen machen die Zerbrechlichkeit von Erinnerungen, sowie kollektive Mythologien und die condition humaine sichtbar. In dieser Herangehensweise verbinden sich Wahrhaftigkeit, Ernsthaftigkeit, Reue und Humor.

Im Film Ink in Milk (2018) (Tinte in Milch) erzählt Wieland eine persönliche und unheimliche Erfahrung als Heranwachsender in Österreich. In Gesprächen bezieht sich der Künstler häufig auf das Buch Austria: A Soldier’s Guide von 1945, das alliierten Besatzungssoldaten erklärt, wie sie sich Österreichern gegenüber verhalten sollen. (Ein Exemplar liegt im Besuchershop zur Ansicht auf.) Es erklärt Verallgemeinerungen über Österreich, die Wieland seltsam berühren. Zum Beispiel lautet eine Passage: „Es hat keinen Sinn, von Österreichern Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit zu erwarten. Das liegt nicht in ihrer Natur. Sie werden ganz aufrichtig versprechen, etwas zu tun. Und sie werden sich genauso aufrichtig entschuldigen, wenn sie ihr Versprechen nicht eingehalten haben.“ Vor allem in seinen Filmen finden sich humorvolle Versuche, kollektives (in diesem Fall österreichisches) Verhalten zu entschlüsseln. Dies gilt jedoch nicht unbedingt nur für eine Auseinandersetzung um die individuelle und kollektive Identität Österreichs. Durch die Art und Weise, wie wir individuelle Geschichten sezieren, fragt Wieland, wie die wehmütigen nostalgischen Träumereien die Textebenen unseres erdachten Selbst definieren oder verdrängen. In Wielands Filmen ist das Gedächtnis nicht passiv oder träge; stattdessen vibriert es vor Aktivität und Leben und drängt in die Gegenwart. Weiters präsentiert er eine Reihe von Drucken, die aus dem Film stammen und seltsame Gesten der Angst zeigen, die sich in winzigen Modellen manifestieren, die diese Ängste jeweils in einer eigenartigen Formensprache ausbuchstabieren.

In Thievery and Songs (2016) (Diebstahl und Gesänge) erzählt Wieland einen Traum über die Bremer Stadtmusikanten. Der Film wirkt wie ein Traum oder wie eine Halluzination. Wie ein Großteil seiner Arbeiten basiert dieser Film auf Recherchen und Erzählungen und verbindet dieses Märchen mit seinen Kindheitserinnerungen; hinzu kommen Tierfiguren, die ihre Psychotherapeuten aufsuchen, Erinnerungen an seine eigene Erziehung und Body Art. Dieser Film befasst sich auch mit der wahren Geschichte einer jüdisch-österreichischen Tänzerin, die 1938 aus Österreich fliehen musste und nach Bombay ging. Insgesamt fallen in diesem Film Fabeln, Erinnerungen, Geschichten und Reflektionen über das Leben in der Gegenwart in eine visuelle Philosophie des Seins, die einen tragikomischen Geist trägt, der Ironie und Absurdität mit einer ergreifenden, poetischen Nüchternheit verbindet.

Für seinen neusten Film Square, Circle, Square (2020) (Quadrat, Kreis, Quadrat) arbeitete Wieland zwölf Jahre mit einem Tiertrainer, der für ihn Vögel trainierte, im Kreis oder im Quadrat zu fliegen. Der Film wird auf einem 16mm-Projektor präsentiert und reduziert viele der oben genannten Überlegungen und Erzählungen auf das Bild eines Vogels, der ins Bild und wieder hinaus fliegt, genauso wie unser Bewusstsein kommt und geht.

Gernot Wieland (*1968, Horn, Austria) lebt und arbeitet in Berlin.

Mit freundlicher Unterstützung von Kultur Niederösterreich.

Gernot Wieland, Ink in Milk, 2018, 12 min 30 sec.

Gernot Wieland, Ink in Milk, 2018, 12 min 30 sec.
Foto: Courtesy of the artist

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Saalplan und -texte_Gernot Wieland (pdf, 1.4 mb)